
Brandkatastrophe in Crans-Montana: Die Spur führt zum Schweizer Waffenhandel in Afrika

Von Hans-Ueli Läppli
In der Silvesternacht verwandelte sich die Bar "Le Constellation" im exklusiven Walliser Skiort Crans-Montana in eine tödliche Falle. Ein Feuer, ausgelöst durch Pyrotechnik und hochbrennbaren Akustikschaumstoff an der Decke, kostete 41 Menschen das Leben und verletzte über 100 weitere teilweise schwer.
Was zunächst als tragisches Unglück durch Fahrlässigkeit erschien, entpuppt sich zunehmend als die Spitze eines weit größeren Eisbergs – Geldwäsche, organisierte Kriminalität und Verbindungen in den internationalen Waffenhandel.

Bars und Restaurants sind für kriminelle Netzwerke seit Jahrzehnten ein bevorzugtes Betätigungsfeld. Hoher Bargeldanteil, einfache Buchführung und die Möglichkeit, illegale Einnahmen als legale Umsätze zu tarnen, machen die Branche ideal für Geldwäsche.
Korsische Clans, die italienische ‘Ndrangheta und andere Gruppierungen nutzen dieses Modell systematisch. Sie kaufen oder pachten Lokale, generieren Scheinumsätze und integrieren sich scheinbar legal in die Gesellschaft.
Genau dieses Muster zeigen die Ermittlungen rund um Jacques und Jessica Moretti. Der korsischstämmige Jacques brachte aus Frankreich eine kriminelle Vorgeschichte mit, darunter Vorwürfe der Zuhälterei und des Betrugs.
Dennoch konnten die Morettis in der Schweiz mehrere Gastro-Betriebe übernehmen. Experten sehen darin ein klassisches Vorgehen korsischer Netzwerke: Investition in cash-intensive Branchen zur Geldwäsche und Tarnung weiterer Aktivitäten.
Fünf Monate nach der Katastrophe laufen die Ermittlungen der Walliser Staatsanwaltschaft weiterhin auf Hochtouren – vielen Beteiligten jedoch zu langsam. Gegen die Morettis wird wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung, Brandstiftung und Urkundenfälschung ermittelt.
Die Ermittler stoßen bei den Morettis auf erhebliche Ungereimtheiten rund um den verbauten Schaumstoff. Zuerst hieß es, das Material stamme aus einem Hornbach-Markt – was das Unternehmen bestritt. Dann tauchte eine Rechnung eines ostdeutschen Onlineshops auf, die laut Staatsanwaltschaft von Jessica Moretti gefälscht worden war. Der Händler hatte das gefährliche Produkt irreführend als schwer entflammbar vermarktet. Die dubiosen Dokumente haben zudem zu einer intensiven Prüfung durch die Meldestelle für Geldwäscherei MROS geführt.
Opferanwälte kritisieren die Behörden scharf und haben zusätzliche Strafanzeigen in Bern und Paris eingereicht. Auch ein früherer Brand in einem anderen Moretti-Lokal wird neu untersucht. Insgesamt stehen rund 14 Personen, darunter Gemeindeverantwortliche, im Visier der Justiz. Der eigentliche Sprengstoff des Falls liegt jedoch bei Daniel Donnet-Monay, einem Walliser Treuhänder, der von vielen nur noch "The Accountant" genannt wird.
Er half den Morettis massiv beim Einstieg ins Walliser Gastro-Geschäft: Schoss 20.000 Franken vor, führte die Buchhaltung und vermittelte Bankfinanzierungen.
Die Spur führt nach Afrika
Gleichzeitig soll Donnet-Monay über seine Firmen, darunter Algemira SA und Vici SA, in ein ganz anderes Geschäft verwickelt sein: den Handel mit Waffen und Söldnern nach Westafrika.
Opferanwälte werfen ihm in mehreren Strafanzeigen illegalen Waffenhandel, unerlaubte Söldnervermittlung und Geldwäsche vor. Ein zentrales Beweisdokument ist ein Vermittlungsvertrag aus dem Jahr 2020, der seine Firmen mit dem ehemaligen französischen Gendarmen Robert Montoya verbindet.
Montoya, einst Mitglied einer Anti-Terror-Einheit nahe dem Élysée-Palast und auf Korsika stationiert, gilt als Schlüsselfigur im Waffen- und Söldnergeschäft in Afrika. Er soll unter anderem Kampfjets vom Typ Su-25 aus ehemaligen Sowjetrepubliken an den ivorischen Präsidenten Laurent Gbagbo vermittelt haben.
Donnet-Monay bestreitet sämtliche Vorwürfe. Er bleibt Lieutenant-Colonel der Schweizer Armee und in der Competitive-Intelligence-Branche aktiv.
Der Fall Crans-Montana reicht längst weit über eine lokale Tragödie hinaus. Er legt nicht nur Versäumnisse bei der Vergabe von Gastro-Bewilligungen, der Aufsicht über Treuhänder und der Exportkontrolle durch das SECO offen, sondern zeigt auch, wie Schweizer Behörden bisher nur zögerlich und teilweise widersprüchlich agieren – was bei vielen Betroffenen den Eindruck einer bewussten Verzögerung oder Vertuschung erweckt.
Während die Behörden versuchen, den Fall auf fahrlässige Brandstiftung und lokale Sicherheitsmängel zu beschränken, führen die Ermittlungen immer tiefer in internationale Verbindungen: von korsischen Netzwerken über Schweizer Treuhandkonstrukte bis hin zum Waffen- und Söldnergeschäft in Westafrika.
Doch die Eltern der getöteten jungen Menschen lassen nicht locker. Sie fordern mit wachsendem Druck von den Schweizer Politikern und Justizbehörden lückenlose Aufklärung. Sie wollen wissen, wer und was letztlich Schuld trägt am Tod ihrer Kinder – und sie sind entschlossen, nicht aufzugeben, bis alle Verantwortlichen benannt und zur Rechenschaft gezogen sind.
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